Headerbild. Hintergrund: aufgeschlagene Bücher. Text: Sensitivity Writing Teil 1: So vermeidest du ableistische Sprache in deinen Romanen (und anderen Texten). freiundfantastisch-lektorat.de

Sensitivity Writing 1: So vermeidest du ableistische Sprache in deinem Roman

Ursprünglich war dieser Beitrag für den Juli, also den diesjährigen Disability Pride Month geplant. Ein Umzug im Hintergrund hat leider dazu geführt, dass er nun etwas verspätet erscheint. Das macht jedoch nichts, denn das Thema ist jederzeit wichtig und liegt mir sehr am Herzen: die Vermeidung ableistischer Sprache. In erster Linie richte ich mich mit dem Beitrag an Roman-Autor:innen, aber die Erläuterungen, Tipps und Empfehlungen können auf jede Art des Textes angewandt werden. Dieser Beitrag ist der erste einer geplanten Reihe rund um den sensiblen Sprachgebrauch, in Anlehnung an das Sensitivity Reading nenne ich die Reihe Sensitivity Writing. Die Beiträge sind als Hilfestellung gedacht, um mehr Sensibilität im eigenen Sprachgebrauch und Sicherheit in einer diskriminierungsfreien Ausdrucksweise zu erlangen.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Zunächst klären wir kurz, was Ableismus eigentlich ist. Danach betrachten wir Ableismus in der Sprache, wieso der Gebrauch bestimmter Wörter oder Formulierungen problematisch ist und wie du solche Begrifflichkeiten erkennst. Anhand einer Reihe von Beispielen und Vorschlägen zeige ich dir, wie du ableistische Begriffe stilsicher und diskriminierungsfrei ersetzen kannst. Du wirst sehen: auch dein Stil profitiert davon. 😉

Im Anschluss findest du noch einige Tipps, die du beachten kannst, wenn du Figuren mit Behinderung oder chronischer/psychischer Erkrankung in deinen Roman einbauen möchtest. Zum Abschluss gebe ich dir eine Reihe von Empfehlungen für Social-Media-Creator:innen, die über Ableismus aufklären. Dort findest du regelmäßig noch viel mehr Wissenswertes, als ich hier in diesem Beitrag vermitteln könnte.

Kurz vorab zu meiner Person: Ich bin Autorin, freie Lektorin, Korrektorin und Setzerin und befasse mich seit einigen Jahren mit sensibler Sprache und Sensitivity Reading. Ich habe selbst Erfahrung mit Formen unsichtbarer Erkrankungen, aber den größten Anstoß habe ich durch meinen Mann erfahren, der als Heilerziehungspfleger tätig ist. Durch ihn habe ich mich sehr stark mit dem Thema Ableismus beschäftigt und auch mit der Wichtigkeit der Repräsentation von Menschen mit Behinderungen und/oder Erkrankungen, da diese nicht nur in der Literatur, sondern auch in zahlreichen anderen Bereichen unseres Lebens nahezu unsichtbar sind. Als Gesellschaft haben wir hier noch einiges zu tun, um endlich alle Menschen mitzudenken. Immer und überall. Unsere Sprache und unsere Bücher können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten.

Was ist Ableismus?

Ableismus leitet sich von dem englischen Begriff »ability« (Fähigkeit) ab. In Kürze wird Ableismus oft mit Behindertenfeindlichkeit gleichgesetzt. Allerdings geht es nicht nur um gezielte Anfeindungen, meistens vollzieht sich Ableismus für die Mehrheit der Menschen nahezu unsichtbar, oft unbewusst. Für Menschen mit Behinderung hingegen gehört er leider zum Alltag. Der Duden definiert Ableismus wie folgt:

Ableismus: »Abwertung, Diskriminierung, Marginalisierung von Menschen mit Behinderung oder chronisch Erkrankten aufgrund ihrer Fähigkeiten.«
Quelle: Duden

Wir haben es also mit einer Form der strukturellen Diskriminierung zu tun. Diese impliziert wie angedeutet nicht nur bewusste Herabwürdigung, Anfeindung oder Ausgrenzung, sondern auch alle Formen der Ungleichberechtigung, die dadurch entsteht, dass Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen nicht mitgedacht werden, z. B. bei fehlender Barrierefreiheit.

Übrigens: Bezieht sich die Diskriminierung auf Menschen mit psychischer Erkrankung, sprechen wir von Saneismus.

Wann ist Sprache ableistisch?

Leider haben sich in unseren Sprachgebrauch viele Formulierungen und Bezeichnungen eingeschlichen, die Menschen mit Behinderungen oder chronischen und/oder psychischen Erkrankungen gewollt oder ungewollt diskriminieren und herabwürdigen. Die meisten davon sind so etabliert, dass uns die eigentliche Bedeutung gar nicht bewusst ist oder wir sie ausblenden.

Wer nicht richtig zuhört, wird beispielsweise gefragt, ob er oder sie taub sei. Wer aus der Reihe tanzt, wird als verrückt bezeichnet, und die Person, die uns die Vorfahrt nimmt, als Idiot. Es gibt einen riesigen Fundus an expliziten oder impliziten Beleidigungen, die auf Bezeichnungen zurückgehen, mit denen kranke oder behinderte Menschen bezeichnet wurden oder werden.

2 Arten ableistischer Sprache

Ich denke, wir können zwei Arten unterscheiden, auf die ableistische Sprache verwendet wird und die auf verschiedene Weisen problematisch sind:

  1. Missbrauch von Begriffen aus dem Bereich der Behinderungen und Krankheiten, indem diese für nicht-behinderte, nicht-kranke Menschen verwendet werden, wodurch deren Bedeutungsgehalt verdreht und zumeist negativ gefärbt wird. Das betrifft z. B. Bezeichnungen wie behindert, taub, stumm, blind, krank. Es handelt sich dabei nicht um Beleidigungen, dennoch werden sie häufig als solche benutzt. Sie werden etwa verwendet, um auszudrücken, dass eine Person ignorant, abgelenkt, desinteressiert, rücksichtslos ist oder sich in anderer Form unerwünscht verhält. Es ist sowohl unsinnig als auch diskriminierend, diesen unzutreffenden Vergleich zwischen unerwünschtem Verhalten und Behinderungen zu ziehen.
  2. Es gibt zudem eine große Bandbreite an Begrifflichkeiten, die heutzutage zwar nicht mehr für Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten verwendet werden, aber ursprünglich für sie genutzt wurden. Und das zumeist in herabwürdigender Form (z. B. Idiot, Spast, dumm). Viele dieser Begriffe stammen aus einer Zeit, in der Menschen mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen nicht als vollwertige Mitmenschen eingestuft, in ihren Rechten beschnitten, ihrer Freiheit und leider mitunter ihres Lebens beraubt wurden. Der Gebrauch dieser Begriffe ist sowohl für Menschen mit als auch ohne Behinderung diskriminierend.

Das sagt man doch nur so – oder?

Die wenigsten Menschen, die ich erlebe, verwenden ableistische Sprache, weil sie Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen diskriminieren wollen. Vielmehr ist es ein gesellschaftliches, internalisiertes Problem. Viele der hier benannten Begriffe sind so sehr in unserem Sprachgebrauch verankert, dass wir gar nicht darüber nachdenken. Wenn wir es doch tun, fällt uns auf, dass so manche Begriffe längst aussortiert gehören, vor allem solche mit dunkler Vergangenheit.

Der Begriff Idiot etwa wurde im antiken Griechenland (idiotes) ursprünglich für Personen verwendet, die politisch nicht aktiv waren. Während der NS-Zeit diente er als Bezeichnung für körperlich und geistig behinderte Menschen und diente der Rechtfertigung ihrer Ermordung. Auch die Bezeichnung asozial wurde von den Nazis verwendet, um ihrer Ansicht nach minderwertige Menschen zu kennzeichnen, die von ihnen verfolgt und ermordet wurden. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mit diesem Hintergrundwissen finde ich es hochproblemtisch, das wir diese Begriffe überhaupt noch verwenden.

Sei jedoch nicht zu hart zu dir selbst, wenn es dir schwerfällt, dich von solchen Begriffen zu befreien. Es ist ein erster Schritt, wenn du dir darüber bewusst wirst, dass manche Begriffe und Formulierungen potenziell diskriminierend oder verletzend sind. Der nächste Schritt liegt darin, dich dafür zu sensibilisieren und Alternativen zu finden, um das auszudrücken, was du eigentlich sagen möchtest.

Woher weiß ich, ob ein Begriff ableistisch ist?

Wenn du dir unsicher bist, was ein Begriff eigentlich genau bedeutet und woher seine Bedeutung rührt, empfiehlt sich eine schnelle Internetrecherche. (Was ich grundsätzlich bei allen Wörtern empfehle, deren Bedeutung dir nicht gänzlich klar ist.) Im online Wörterbuch vom Duden findet sich zu einigen Begriffen auch ein »besonderer Hinweis«, dieser lautet z. B. bei dem Adjektiv verrückt:

»Der Bezug des Adjektivs verrückt und davon abgeleiteter Wörter auf geistig oder psychisch kranke Menschen ist stark diskriminierend.« (Quelle: Duden)

Auch eine Frage des Stils

Nicht zuletzt sind die meisten ableistischen Ausdrücke sehr ausdrucksschwach. Wenn wir etwa sagen, eine Sache oder eine Person sei dumm, kann damit alles Mögliche gemeint sein. Ähnlich wie »gut« oder »schön« oder »groß« lässt sich dadurch keine klare Vorstellung transportieren. Adjektive wie »dumm« oder »verrückt« sind also nicht nur diskriminierend, sondern auch stilistisch schwach. Mache dir klar, was du eigentlich damit ausdrücken willst. Ist die Person vielleicht eher ignorant, engstirnig, naiv oder unerfahren?

Beispiele, wie sich ableistische Ausdrücke oder Formulierungen leicht und stilvoll ersetzen lassen

Statt »dumm« schreibe je nach Kontext:

naiv, unklug, leichtgläubig, übereilt, rückständig, falsch, bedenklich, kindisch, unerfahren, unbegabt, unbesonnen, ohne Verstand, albern, sinnlos, unnütz, unzulänglich, einfältig, verbohrt, ignorant, schlecht, beschissen …


Statt »verrückt« schreibe je nach Kontext:

leidenschaftlich, impulsiv, übermütig, eigen, seltsam, skurril, schrullig, exzentrisch, extrem, paradox, wild, widersinnig, schräg, verquer, verwirrt, fantastisch


Statt »Bist du taub?« schreibe je nach Kontext:

»Hörst du mir überhaupt zu?«

»Hast du mir nicht zugehört?«

»Nimm die Finger aus den Ohren, das habe ich gerade schon gesagt.«


Statt »Das sieht doch sogar ein Blinder (mit Krückstock)« schreibe je nach Kontext:

»Das ist ja wohl offensichtlich!«

»Wie könnte einem das entgehen?«

»Du müsstest schon ziemlich ignorant sein, um das nicht zu bemerken.«


Statt »Das ist Wahnsinn!« schreibe je nach Kontext:

»Das ist gefährlich/halsbrecherisch/keine gute Idee.«

»Das ist so cool/abgefahren.«

»Das ist der Hammer!«


Beleidigungen ohne Ableismus (und andere Diskriminierungen):

Holzkopf, Arsch(loch), Nervensäge, Ekelpaket, Vollpfosten, Pissnelke …

Noch besser: Kreiere ganz eigene Begriffe, die zu deinem Worldbuilding passen. Hier kannst du richtig kreativ werden und dich austoben.

Wie du siehst, sind die Möglichkeiten schier unerschöpflich. Und mit etwas Übung werden dir immer mehr Begriffe einfallen, mit denen du ableistische Ausdrücke ersetzen kannst. Langfristig erweiterst du somit deinen Wortschatz und lernst, dich treffender auszudrücken. Eine reine Win-Win-Situation also. 😉

Einige abschließende Tipps für Figuren mit Behinderungen oder Krankheiten

Leider sind Behinderungen und Krankheiten in vielen Romanen nahezu unsichtbar oder sie werden rein negativ dargestellt. Dabei sind sie für viele Menschen ein Bestandteil des täglichen Lebens. Sie gehören zu uns und damit auch in unsere Bücher.

Hier ein paar Tipps für eine sensible, authentische Darstellung:

  • reduziere die Figur nicht auf ihre Behinderung/Krankheit, achte auch hier auf Mehrdimensionalität und hebe wichtige Eigenschaften der Figur hervor;
  • bevorzuge eine möglichst neutrale, nicht wertende Ausdrucksweise. Formulierungen wie »an den Rollstuhl gefesselt sein« sind z. B. sehr wertend und suggerieren, dass der Rollstuhl eine Last darstellt, dabei ist es ein hilfreiches Werkzeug. Zu sagen, jemand leide an Xyz, trifft ein Urteil über den Grad des Leidensdruckes, der jedoch von außen nicht zu beurteilen ist. Natürlich kann die Figur selbst Wertungen vornehmen, aber vermeide eine zu einseitige (also rein negative oder rein positive) Darstellung;
  • mache einen Bogen um Stereotype: Den erfolgreichen älteren weißen Mann, der durch einen Unfall im Rollstuhl sitzt und völlig verbittert über seinen Zustand ist, haben wir alle schon zur Genüge erlebt. Gleiches gilt für den autistischen Ermittler, der sozial völlig unfähig, aber in seinem Gebiet eine unvergleichliche Koryphäe ist. Solche Stereotypen reproduzieren nicht nur Klischees und sind oft einseitig in ihrer Darstellung, sie langweilen auch mehr, als dass sie Interesse wecken;
  • Recherche ist das A und O: Um eine falsche/einseitige Darstellung zu vermeiden, führt kein Weg um eine ausführliche Recherche herum. Schaue Dokumentationen, lies Bücher und/oder Artikel und vor allem: höre den Menschen zu. In der heutigen Zeit haben es sich viele Menschen zur Aufgabe gemacht, über ihre Lebensrealität aufzuklären und Sichtbarkeit zu schaffen. Ein echtes Verständnis erlangen wir nicht, wenn wir über Menschen reden, sondern mit ihnen.
  • nutze die Möglichkeit eines Sensitivity Reading: Es gibt viele erfahrene Sensitivity Reader, die dir bei einer authentischen und diskriminierungsfreien Darstellung helfen können;
  • zuletzt möchte dir noch mitgeben: Wir alle machen Fehler und niemand ist perfekt. In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Autor:innen zu viel Angst davor haben, etwas falsch zu machen oder jemanden zu verletzen. Daher scheuen sie davor zurück, Figuren mit Behinderung in ihre Bücher einzubauen. Ich kenne diese Angst und zu einem gewissen Teil ist sie sicherlich berechtigt. Natürlich besteht dieses Risiko. Aber wenn wir es gar nicht erst versuchen, werden viele Menschen unsichtbar bleiben. Wir können dazu beitragen, dass dies nicht geschieht. Ich bin davon überzeugt, dass wir sehr wohl über sensible Themen schreiben können, die uns selbst gar nicht betreffen, sofern wir uns unserer Verantwortung bewusst sind, empathisch bleiben und den Menschen offen begegnen. Ein Versuch ist es allemal wert.

Empfehlenswerte Accounts

Hier einige Accounts, die ich dir ans Herz legen kann, wenn du dich näher mit den Themen Inklusion, Ableismus und Vielfalt beschäftigen möchtest. Es handelt sich um Instagram-Accounts, viele Creator:innen findest du unter denselben Namen aber auch bei YouTube oder TikTok. Ich habe darauf verzichtet, die Accounts zu verlinken, du kannst die Namen einfach in der Suchmaske eingeben.

@matildajltt Matilda ist nicht nur Musikjournalistin und analysiert Rap-Texte, sie klärt zudem regelmäßig über Ableismus auf. Ach und Feministin ist sie auch. <3

@toren.wolf Toren ist so ein liebenswerter junger Mann und liefert sehr viel wichtigen und interessanten Content über Autismus und ADHS. (Englischsprachiger Account)

@justinepust Justine ist selbst Autorin, war lange Zeit als Buchbloggerin aktiv und hat kürzlich ihre Diagnose für MS erhalten. Seither berichtet sie viel über ihr Leben mit MS und klärt über diese Erkrankung auf.

@janina_nagel_ Janina macht in erster Linie Content zu Mode und Fitness, sie klärt aber auch regelmäßig über ihre Kleinwüchsigkeit und Ableismus auf.

@linusbade Linn ist Aktivistin für Inklusion und klärt auf ihrem Account (meist humorvoll) über Vorurteile und Ableismus auf und sorgt für mehr Sichtbarkeit.

Und da immer mal wieder die Frage aufkommt, was »man« denn überhaupt noch sagen dürfe, möchte ich unbeding noch ein Video der Creatorin »Frustrierte Alte« teilen, die sehr schön auf den Punkt bringt, dass wir den Verzicht auf diskriminierende Begriffe wirklich sehr gut verschmerzen können, bleiben uns doch noch mehr als genügend andere Wörter:
https://www.youtube.com/shorts/998hGQp-X7E

Du suchst Unterstützung für dein Manuskript?

Gern unterstütze ich dich als Lektorin bei einer diskriminierungsfreien Sprache in deinen Texten. Auch ein reines Sensitivity Reading (ohne allgemeines Lektorat) ist nach individueller Absprache möglich. Beachte aber, dass ich in diesem Bereich nur eine sprachliche Begutachtung anbiete und keine inhaltliche. Falls du z. B. über eine(n) Protagonist:in mit Behinderung schreibst, empfehle ich dir eine darauf spezialisierte (idealerweise Own-Voice) Fachperson für ein inhaltliches Sensitivity Reading.

Weiterführende Quellen

https://www.neuenarrative.de/magazin/wie-ableismus-sich-in-unserer-sprache-zeigt

https://www.teilhabeberatung.de/woerterbuch/ableismus

https://www.zeit.de/zett/2019-09/so-klischeehaft-werden-menschen-mit-behinderung-in-buechern-dargestellt

https://www.gender-und-diversity.fau.de/diversity/inklusion-an-der-fau/diskriminierungsfreie-und-inklusive-sprache/

https://stockundstein.org/behinderung/ableistische-sprache-in-buechern/


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